Vicente de la Serna – Deutsch
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Chile, 1986. Alle wissen, was passiert. Niemand spricht darüber. So funktionieren Diktaturen. Der Unternehmer will Präsident werden. Der Freund will mehr sein als er. Die Sekretärin will überleben. Der Folterer will seine Todesquote. Der Priester will Seelen retten. Der Diktator will geliebt werden. Das Volk will einfach leben und in Ruhe gelassen werden. Und inmitten all dieser Menschen ein alter Mann, der nichts mehr zu verlieren hat und einen Plan, der nicht scheitern darf: ein Attentat auf Pinochet. Tedeum des Todes ist kein politischer Roman. Es ist ein Roman darüber, was geschieht, wenn Macht zur Gewohnheit wird und Grausamkeit zur Routine. Es gibt hier keine Helden. Nur Überlebende. De la Serna: „Ich hoffe, dass das Buch einen Beitrag leisten kann – in diesen dunklen Zeiten, die wir durchleben, einer absurden Wiederholung dessen, was wir für unmöglich hielten. Doch jetzt geht es darum, den Menschen alles Mögliche zu nehmen, damit sie nichts anderes zu tun haben, als zu überleben.“
Vicente de la Serna betritt und verlässt viele Labyrinthe. Er tut es würdevoll und so gesprächig wie ein Kaffee mit Freunden, während er einfache und tiefe Lektionen erteilt – wie ein Dolch: Nur als Kinder leben wir ewig. Ein Halt an Vermutungen sind keine Wundermöglichkeiten, selbst wenn Dostojewski als Libertär einen Satz schrieb, den er nie schrieb: “Das Gesetz ist verfault, weil es das Dogma der Gedemütigten ist.” Ich sage es noch einmal, mit mehr Gewissheit als Zweifel: Durch diese Kathedrale aus Worten bewegen sich zwei Tiere. Ein poetisches Tier. Ein politisches Tier. Ich grüße sie beide. Ich teile ihre Kämpfe, ihre Wut, ihre Träume“. (Reynaldo García Blanco, cubanische Dichter)
Poesie von Vicente de la Serna
Hater zum Mitnehmen!
Die wahrscheinliche Theorie
vermutlich, Apparat, ich will, dass du kommst,
überdauert die Kapitel der durchzechten Nacht,
des ich-will-mich-festkrallen
jugendlich
an dein Tierreich.
Ich schlafe ein
fern vom britischen Außenminister
dem von Yankee-Land
auch
wovon reden beim sionisten? so tief sink ich nicht.
Ich schmücke
ein Poster
einen Kant von Putten
aus einem Film
in Schwarzweiß
aus Zelluloid
oder anderen alten Gefickten.
Dalí liest einen Ciorán paranoid.
Der Ché kämpft die Ignoranz des Idioten,
kämpft gegen seinen Fluch.
Ciorán schiebt sich dazwischen: lass ihn!
es gibt solche, die ihr eigenes Elend akzeptieren
auch wenn es ihnen andere verpassen.
Ich muss malen,
dich malen,
von Sex und Küssen aus Portalen
ohne Garantie
auf Happy Ends aber dich malen.
Mein Danach von Modigliani,
immer die verfluchten Danach
kommen crescendo
wenn die "ich-will-dich-trinken"
ruhen
in unermüdlichen Büchern,
Praxis von 100 Jahren Freud,
der
tausend Wichser psychoanalysiert,
die Faulkner lesen.
Und ich gehe
und ich bin
und ich gestehe
Gefangener deines Arsches zu sein,
deiner Pornostöhner,
meiner zukünftigen Niederlagen,
von Leben nach dem Leben,
das ich nicht leben werde,
von Sand in Erde,
von Kunst ohne Diagnose,
der
Ewigkeiten ohne Geld umarmt,
kurze Almosen von Marx,
von Umarmungen Liebender
aus Tinder,
von Einsamkeiten Opfern,
von verworfenen Mächten,
die
ertrunkenen Ich-lieb-dich
der Einsamkeit hinkend,
gratis,
oder die mir noch bleiben.
Wir wollen einen Hater!
schreit eine lesbische Faschistin
in der deutschen AfD.
Durch Leipzig
zieht ein Naziaufmarsch,
ein paar Hundert von Hunderten, die nicht denken:
sie skandieren Hass
im Plural
und sind wieder-glücklich.
Ich verstehe:
reflektieren
ist ein Pro-Natur-Luxus
den vielen verwehrt:
Schwachköpfe mit krimineller Kapazität.
Ich zeige an
und
trete zurück
nicht von dir,
sondern von jedem Hurensohn,
der uns das Leben versauen will,
weil er es versauen kann.
Als Erbe (1)
Ich hinterlass als Erbe
das Versteck'n – zum Beispiel – der Verlegenheit,
die meine und die fremde,
das Aufhör'n, den Namen zu errat'n
von der Raket' Israels in Palästina.
Ich hinterlass als Erbe
meine schlaflosen, trunk'nen Nächte,
meine geschloss'nen Bücher,
die Beerdigungen, die ich verpasst hab,
die Militärparade – Gott sei Dank – wo ich nicht war.
Ich hinterlass als Erbe
meine gewonn'nen Lieben, meine verlor'nen auch,
die ewigen Umarmungen, die ich noch schuldig bin der Vergangenheit,
die nutzlosen Schluchzer, die niemals bleib'n,
die zerbrochenen Blumentöpfe, gesprungen, gespalten,
die Stille der Blumen, abgehauen,
wartend auf'n Frühling, der endlich kommen soll.
Ich hinterlass als Erbe den kaputten Stuhl,
den Kuss im dunklen Kino,
das halbvolle Glas,
meine Sichelmonde, die vorbeizieh'n,
die Winde des Septembers, die vorbeiflieh'n,
meiner Mutter „Ich lieb dich“ aus der Vergangenheit,
die verlor'nen Spielzeuge, die ich nicht halten konnt',
die Träume, die ich nie geträumt hab, alt und kalt.
Alles, was ich bin, alles, was ich hab
leg ich in deine Händ', leg ich ins Grab
Alles, was ich war, alles, was ich träum'
hinterlass ich als Erbe, ohne Schrei
hinterlass ich als Erbe, nichts ist, wie es scheint
Ich hinterlass als Erbe
meine Niederlagen in situ,
die Niederlagen, die Tinder versprach,
die Einsamkeit, geteilt mit dem neuen Fremdling,
den bitteren Geschmack des Morgenkaffees.
Ich hinterlass als Erbe
meine religiösen Simulationen,
meine Freuden,
die Abwesenheit des Landes, das ich nie kannt',
die hohlen Freuden, die stillen Signale.
Ich hinterlass als Erbe
die Stimme meines heidnischen Dichters,
den vagen Skeptizismus von Nietzsches Wahl,
die schlecht geborenen Dogmen nach dem Staub,
laut planetarischer Entfremdung und Lust,
in der Stimme von Norah Jones, die singt von Rost.
Ich hinterlass als Erbe
den Skeptizismus meiner Katze und ihr sieben Leben,
das unheilbare Pech, das überlebt,
meine Sommerreflexionen, die vorbeizieh'n,
das „dennoch“, das vor Jahren embargoert wurde,
wie das „ich vermiss dich“, das ich nie zeig',
als ich sie mehr vermisst hab, als sie je wusst'.
Alles, was ich bin, alles, was ich hab
leg ich in deine Händ', leg ich ins Grab
Alles, was ich war, alles, was ich träum'
hinterlass ich als Erbe, ohne Schrei
hinterlass ich als Erbe, nichts ist, wie es scheint
Ich hinterlass als Erbe
meine leeren Vitrinen,
die Morgenröten, die nie kamen,
die ich nie beanspruchen werde,
die antifaschistischen Steine,
den letzten aphonen Vers, den ich nie schreib',
die abgetragenen Kleider, die kein Licht mehr haben ...
... Als Erbe (2)
... Ich hinterlass als Erbe
die Straßenkantate,
die Rennen ohne Pferde,
meine Wüstenlandschaften,
die Vulkane meiner ungezähmten Patagonien,
meine Flüche, meine unerwünschten Briefe,
meine guten Piraten, meine unermüdlichen Blasphemien.
Ich hinterlass als Erbe
meine Flüche und mein Fleh'n,
meine guten Piraten, meine Blasphemien im Geh'n,
meine besiegten Triumphe, die nicht gefall'n.
Ich hinterlass als Erbe
meine ignorierten Lieben, die verlor'nen auch,
diejenigen, die nie wuchsen,
wie die stillen Worte, die ich nie kannt',
und diese Verse, die ich ihr
nie wieder schreiben werd'.
Alles, was ich bin, alles, was ich hab
leg ich in deine Händ', leg ich ins Grab
Alles, was ich war, alles, was ich träum'
hinterlass ich als Erbe, ohne Schrei
hinterlass ich als Erbe, nichts ist, wie es scheint
hinterlass ich als Erbe, es ist nicht, wie es scheint
hinterlass ich als Erbe…
Und diese Verse,
die ich ihr
nie wieder schreiben werde.
Kurzbiografie
Herkunft und Werdegang
Vicente de la Serna ist ein Schriftsteller und bildender Künstler chilenischer Herkunft mit Lebensmittelpunkt in Deutschland. Seinen eigenen Worten zufolge begann die Nähe zur Kunst bereits in früher Kindheit in der Atacama-Wüste, inspiriert durch das familiäre Umfeld seines Großvaters – eines Tangosängers – sowie seines Vaters, eines handwerklichen Visionärs.
Politischer Widerstand und Exil
Ab 1984 studierte De la Serna Physik und Naturwissenschaften an der Universidad de La Serena und schloss sich während der Diktatur aktiv dem Widerstand an. Nach Festnahme, Inhaftierung und Verurteilung in Abwesenheit durch die Militärjustiz lebte er jahrelang im Untergrund. Später studierte er Soziologie an der Universidad ARCIS in Santiago de Chile.
Malerei und bildende Kunst
Während der 1980er- und 1990er-Jahre prägte er die Szene im Künstlerviertel Bellavista und stellte regelmäßig aus. Sein facettenreiches Schaffen vereint expressive Bildwelten mit literarischem Tiefgang.
Literarisches Werk
Bekannt ist sein Werk durch den Roman Wenn die Abwesenheiten geboren werden sowie den Gedichtband 24+1 Podcast für van Gogh, welcher 2026 ins Deutsche übertragen wurde. Die Lyrik spiegelt das Zusammenspiel von Erinnerungskultur, Exil, Hoffnung und menschlicher Verwundbarkeit wider.
Vicente de la Serna – Werk und Wirken
Herkunft und Werdegang
Vicente de la Serna ist ein Schriftsteller und Maler chilenischer Herkunft. Seinen eigenen Erzählungen zufolge begann seine Verbindung zur Kunst in seiner Kindheit, als eine Lehrerin eine besondere Qualität in seinen Zeichnungen erkannte. Er wuchs in der Atacama-Wüste auf, in einem familiären Umfeld, das geprägt war von der Gestalt seines Großvaters, einem Tangosänger und Boleristen, und seines Vaters, einem Zimmermann und Träumer, der ihn in seiner künstlerischen Entwicklung unterstützte.
Jugend und historischer Kontext
Ab 1984 studierte er Physik und Naturwissenschaften an der Universität von La Serena. In dieser Zeit, im Kontext der Militärdiktatur in Chile, engagierte er sich aktiv im politischen Widerstand.
1985 wurde er bei einem Protestmarsch von Militärs festgenommen und inhaftiert. Im darauffolgenden Jahr, 1986, wurde er von der Universität verwiesen und von der Militärjustiz in Abwesenheit verurteilt. Fast fünf Jahre lang lebte er mit Haftbefehl. Später konnte er dank eines Stipendiums Soziologie an der Universität ARCIS in Santiago studieren.
Künstlerischer Werdegang
Parallel zu seinem akademischen Leben war De la Serna stets als Maler aktiv. In den Jahren 1987 und 1993 verkaufte er seine Werke in der Galería Casa Azul im Bohème-Viertel Bellavista in Santiago. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, malte er auch Kopien großer Meister wie Dalí, Picasso oder Monet, versah sie jedoch stets mit einem versteckten „R“, um nicht der Fälschung bezichtigt zu werden.
Literarisches Werk
Sein neuestes Werk ist der Roman Wenn die Abwesenheiten geboren werden. Der Autor ist auch bekannt für den Gedichtband 24+1 Podcast für van Gogh, der 2025 im Verlag Las Lolas Editorial erschien. Das Buch ist eine poetische Reise, die Themen wie Erinnerung, die Wunden der Diktatur, Exil, Liebe und Zerbrechlichkeit behandelt. Die Kritik hebt in seinem Werk den Einfluss von Autoren wie Roberto Bolaño, Pedro Lemebel und César Vallejo hervor. 2026 wurde es ins Deutsche übersetzt.